Pfarrhaus
Das Pfarrhaus in Utzenstorf gehört zu den eindrucksvollsten barocken Pfarrhäusern im Kanton Bern. Es wurde 1727/28 erbaut und im Laufe der Zeit mehrfach renoviert, zuletzt 2024, wobei es seine besondere Ausstrahlung bis heute bewahren konnte.
Das Gebäude ruht auf einem massiven Kalksteinfundament. Charakteristisch für den bernischen Spätbarock sind die sorgfältig gearbeiteten Sandsteineinfassungen an Türen und Fenstern, die betonten Ecklisenen sowie das markante, geknickte Vollwalmdach mit Lukarnen. Besonders eindrucksvoll ist der Aufgang zum Garten. Eine geschwungene Kalksteintreppe führt zu einem prächtigen Portal mit kunstvoll gearbeitetem Schlussstein.
Die Bauphasen des 18. und 19. Jahrhunderts zeigen ein für ländliche Pfarrhäuser des Ancien Régime typisches Bild: schlichte Innenräume mit naturbelassenem Holzwerk, weiss gekalkten Wänden in Korridoren und Treppenhäusern sowie später eingebrachte Vertäfelungen, die gegen Ende des 18. und im frühen 19. Jahrhundert mit den damals üblichen grauen Anstrichen versehen wurden.
Bis in die jüngste Vergangenheit diente das Pfarrhaus als Wohnsitz für die Pfarrperson mit integriertem Büro. Die Wohnung war jedoch nicht mehr zeitgemäss und die Wohnfläche für kleinere Haushalte zu gross. Deshalb entschied sich die Kirchgemeinde, die Wohnfläche zu verkleinern und zusätzliche Räume für öffentliche und amtliche Nutzung zu schaffen mit dem Ziel, das Gebäude funktional zu erweitern, ohne seine historische Substanz zu beeinträchtigen.
Die Lösung bestand in einer internen, vertikalen Trennung des Hauses. Damit greift das Projekt eine historische Gliederung auf: Schon früher war das Haus funktional differenziert, mit Küche und dienenden Räumen auf der Strassenseite und den hochwertigeren Wohn- und Studierzimmern zur Gartenseite.
Die jüngste Sanierung knüpft an diese Logik an: Die Wohnräume sind erneut in der sonnigen Gartenseite konzentriert, während auf der Strassenseite Räume für öffentliche und dienstliche Zwecke Platz finden. Das Pfarrhaus in Utzenstorf zeigt beispielhaft, wie ein denkmalgeschütztes Gebäude mit sensiblen Eingriffen in die Gegenwart geführt werden kann, ohne seine Geschichte zu verleugnen.
Doch nicht nur die Architektur macht dieses Haus besonders – es ist auch ein Ort literarischer Geschichte. Albert Bitzius, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen Jeremias Gotthelf, lebte hier von 1805 bis 1824. Hier verbrachte er seine Jugendjahre, nachdem sein Vater als Pfarrer nach Utzenstorf berufen wurde.
Nach seinem Theologiestudium kehrte der junge Bitzius als Vikar zurück und engagierte sich mit grossem Eifer für die Gemeinde. Er unterstützte den überlasteten Dorflehrer im Schulunterricht – damals eine Klasse mit Dutzenden Kindern. Als die Schulverhältnisse untragbar wurden, überlistete er die Gemeinde mit diplomatischem Geschick zum Bau eines neuen Schulhauses.
Noch heute erinnert eine Gedenktafel an der Fassade an seine Zeit in diesem Haus.
Neben dem Pfarrhaus steht ein Nebengebäude. Es handelt sich um ein Ofenhaus mit Speicher von 1728. Hier wurde früher gebacken, aber vermutlich auch geschrieben, getüftelt, vielleicht sogar erste Gedanken zu den später berühmten Gotthelf-Romanen gefasst.
Dieses Pfarrhaus ist also auch ein stiller Zeuge einer grossen literarischen Karriere.
Quelle
Denkmalpflege des Kantons Bern, Gotthelfstrasse 17, Utzenstorf
https://zentrummoesli.ch/gotthelf/
Archiv Kirchgemeinde Utzenstorf, Stratigrafische Untersuchung der Innenräume, Fischer & Partner AG Restauratoren