Gotthelf und Utzenstorf
Albert Bitzius wurde am 4. Oktober 1797 in Murten geboren. Sein Vater Sigmund Bitzius war evangelischer Pfarrer. Nachdem Murten an das katholische Freiburg übergegangen war, übersiedelte die Familie Bitzius 1805 nach Utzenstorf. Albert war zu diesem Zeitpunkt etwa acht Jahre alt.
Im Ort verlebte der aufgeweckte und eigenwillige Knabe seine schicksalsschwersten Jugendjahre, und viele seiner Erlebnisse verarbeitete er später in seinen Werken.
Zur grossen Pfarrei Utzenstorf gehörte umfangreiches Pfrundland, welches von Vater Bitzius selbst bewirtschaftet wurde. Der Sohn Albert half mit Lust und Freude bei allen vorkommenden Arbeiten in Feld und Stall. Er half bei der Hausarbeit, hielt sich Kaninchen, trieb Schaf- und Taubenhandel. Er spielte mit den Alterskameraden «Räuberlis» im nahen Wald, ritt gern und war aktiv beim bernischen Nationalsport, dem Hornussen. Er lernte so die Bauernbevölkerung mit all ihren Vorzügen und Schwächen kennen.
Zu dieser Zeit entstand die Freundschaft mit Jakob Steiner, dem Kleinbauernbub mit der genialen Begabung für Mathematik, der später Professor in Berlin (D) wurde, dort Gotthelfs Werk bekannt machte und den Berliner Verleger Springer bei den Illustrationen zu Gotthelfs Werken beriet.
Anfänglich unterrichtete Vater Sigmund Bitzius seine Kinder selbst. Ab 1812 besuchte Albert das Gymnasium in Bern; 1817 begann er sein Theologiestudium. Nach einem Studienaufenthalt in Göttingen (D) und einer anschliessenden Reise durch Norddeutschland kehrte er im Jahre 1822 nach Utzenstorf zurück. Dort wurde er wieder Vikar bei seinem Vater. Mit besonderer Freude widmete er sich in Utzenstorf dem Schulwesen. Er schulmeisterte oft tagelang mit grossem Erfolg, suchte Reformen und vertiefte sich in die bahnbrechenden Ideen Pestalozzis.
Albert Bitzius bewies schon in seinen jungen Jahren in Utzenstorf, dass er eine fortschrittliche Gesinnung hatte, dass er kein Leisetreter war, als Vikar unumwunden die Wahrheit verkündete und mit diplomatischem Geschick schwierige Familienhändel im Dorf zu schlichten verstand.
Nach dem Tode seines Vaters im Jahr 1824 konnte er nicht als Nachfolger gewählt werden, da er die erforderlichen fünf Jahre als Vikar um ein Jahr noch nicht erfüllt hatte. Aus Dankbarkeit für seinen ausserordentlichen Einsatz beim Bau des neuen Schulhauses überreichte ihm die Gemeinde bei seinem Wegzug nach Herzogenbuchsee als Ehrengeschenk eine Repetieruhr.
Gerade in Utzenstorf, bei den reichen Bauern und den armen Tagelöhnern, bei Meistersleuten und Dienstboten, fand Albert Bitzius den Weg zum Bernervolk, zu seiner Kirche und Schule, zum heimischen Bauern- und Brauchtum schlechthin. Hier wurde er zum Jeremias Gotthelf und schrieb die berühmten Ueli Romane, den Bauernspiegel und die Schwarze Spinne.
Quelle: Nach den Auszügen aus dem Bericht von Walter Marti in der Berner Woche von 1947 und des Gemeindeprospektes von Utzenstorf